Putzzwang bezeichnet den zwanghaften Drang, exzessiv zu putzen, aufzuräumen oder die Umgebung zu reinigen – weit über das normale Maß hinaus. Betroffene verbringen oft Stunden damit, Oberflächen zu desinfizieren, Gegenstände zu ordnen oder die Wohnung immer wieder zu säubern. Obwohl sie wissen, dass ihr Verhalten übertrieben ist, können sie nicht aufhören. Die gute Nachricht: Putzzwang ist mit der richtigen Therapie gut behandelbar.

Was ist ein Putzzwang?

Der Putzzwang (auch Reinigungszwang oder zwanghaftes Putzen genannt) ist ein Subtyp der Zwangsstörung (OCD), bei dem Betroffene einen überwältigenden Drang verspüren, ihre Umgebung immer wieder zu reinigen, aufzuräumen oder zu ordnen. Anders als beim Waschzwang, der sich primär auf die Reinigung des eigenen Körpers konzentriert, richtet sich der Putzzwang auf die äußere Umgebung: Oberflächen, Gegenstände, Räume und die gesamte Wohnung.

Das Besondere am Putzzwang: Die Betroffenen erkennen häufig selbst, dass ihr Putzverhalten weit über das normale Maß hinausgeht – und dennoch können sie nicht aufhören. Das Putzen bringt nur kurzfristige Erleichterung, bevor die Angst oder das Unbehagen zurückkehrt und der Kreislauf von vorne beginnt.

Putzzwang auf einen Blick
Fachbegriffe Reinigungszwang, zwanghaftes Putzen, Contamination OCD (Subtyp)
ICD-11 Code 6B20 (Zwangsstörung)
Häufigkeit Gehört zu den Kontaminationszwängen (ca. 25-46% aller OCD-Fälle)
Typischer Beginn Kindheit, Jugend oder frühes Erwachsenenalter
Goldstandard-Therapie ERP (Exposition mit Reaktionsverhinderung)
Behandlungserfolg 50-70% Symptomverbesserung mit ERP*

*S3-Leitlinie Zwangsstörungen (DGPPN, 2022). Kognitive Verhaltenstherapie mit ERP ist die Psychotherapie der ersten Wahl mit sehr hohen Effektstärken.

Putzzwang (Reinigungszwang)

Der Putzzwang ist eine Form der Zwangsstörung, bei der Betroffene einen zwanghaften Drang verspüren, ihre Umgebung exzessiv zu reinigen, aufzuräumen oder zu desinfizieren. Anders als normale Sauberkeitsliebe geht der Putzzwang mit erheblichem Leidensdruck, stundenlangen Ritualen und dem Gefühl einher, nicht aufhören zu können. Der Putzzwang ist mit kognitiver Verhaltenstherapie (KVT) und insbesondere ERP (Exposition mit Reaktionsverhinderung) gut behandelbar.

Putzzwang vs. Waschzwang

Beide gehören zu den Kontaminationszwängen, unterscheiden sich aber im Fokus: Beim Waschzwang steht die Reinigung des eigenen Körpers (Händewaschen, Duschen) im Vordergrund. Beim Putzzwang richtet sich der Zwang auf die Umgebung (Oberflächen, Gegenstände, Räume). Oft treten beide Formen gemeinsam auf.

Typische Symptome des Putzzwangs erkennen

Putzzwang zeigt sich durch das klassische OCD-Muster: Zwangsgedanken (Obsessionen) lösen Angst oder Unbehagen aus, die durch Zwangshandlungen (Kompulsionen) – in diesem Fall das Putzen – kurzfristig gelindert werden.

Zwangsgedanken beim Putzzwang

  • Kontaminationsängste: "Die Oberfläche ist mit Keimen verseucht, ich muss sie desinfizieren"

  • Katastrophisierende Gedanken: "Wenn ich nicht putze, werden wir alle krank"

  • Überverantwortung: "Ich bin dafür verantwortlich, dass alles sauber und sicher ist"

  • Nicht-richtig-Gefühl: "Es fühlt sich einfach nicht sauber genug an"

  • Magisches Denken: "Wenn ich nicht ordentlich putze, wird etwas Schlimmes passieren"

  • Ekelgefühle: Intensiver Ekel bei sichtbarem oder unsichtbarem Schmutz

Zwangshandlungen beim Putzzwang

  • Stundenlanges Putzen: Die Wohnung wird täglich mehrere Stunden gereinigt, auch wenn sie objektiv sauber ist

  • Wiederholtes Desinfizieren: Oberflächen wie Türklinken, Lichtschalter, Tische werden ständig desinfiziert

  • Feste Putzrituale: Putzen muss in bestimmter Reihenfolge, mit bestimmten Produkten oder einer bestimmten Anzahl von Wiederholungen erfolgen

  • Übertriebenes Aufräumen: Gegenstände müssen perfekt ausgerichtet sein, selbst minimale Unordnung ist unerträglich

  • Vermeidungsverhalten: Besucher werden nicht eingeladen, bestimmte Bereiche werden gemieden

  • Kontrolle anderer: Familie oder Mitbewohner werden zur Einhaltung strenger Sauberkeitsregeln gezwungen

Symptom-Checkliste Putzzwang

Symptom

Beschreibung

Typisch bei Putzzwang?

Zeitaufwand

Mehr als 1-2 Stunden täglich für Putz-/Aufräumrituale

Ja

Wiederholung

Gleiche Oberflächen werden mehrfach am Tag gereinigt

Sehr häufig

Kontrollverlust

Das Putzen kann nicht gestoppt werden, auch wenn man es will

Ja (Kernmerkmal)

Leidensdruck

Das Verhalten verursacht Stress und beeinträchtigt den Alltag

Ja

Einsicht

Wissen, dass das Putzen übertrieben ist, aber trotzdem nicht aufhören können

Oft vorhanden

Soziale Einschränkung

Keine Besucher, Konflikte mit Familie, soziale Isolation

Häufig

Putzzwang vs. normale Sauberkeitsliebe

Viele Menschen putzen gerne und halten ihre Wohnung sauber. Wann wird aus gesunder Ordnungsliebe ein krankhafter Zwang?

Vergleich: Putzzwang vs. normale Sauberkeitsliebe

Merkmal

Normale Sauberkeitsliebe

Putzzwang

Motivation

Freude an Ordnung, praktische Gründe

Angst vor Kontamination, Zwang, Unbehagen

Zeitaufwand

Angemessen, flexibel

Stunden täglich, unflexibel

Gefühl danach

Zufriedenheit, Thema ist erledigt

Kurzfristige Erleichterung, dann erneuter Drang

Kontrolle

Man kann stoppen, wenn anderes wichtiger ist

Kann nicht aufhören, auch wenn man es will

Flexibilität

Kann Unordnung tolerieren, wenn nötig

Minimale Unordnung ist unerträglich

Emotionen

Neutral oder positiv

Intensive Angst, Ekel, Panik bei Unterlassung

Soziales Leben

Besucher sind willkommen

Besucher werden vermieden oder stark kontrolliert

Reaktion auf Kritik

Kann Feedback annehmen

Fühlt sich missverstanden, kann nicht anders

Das zentrale Unterscheidungsmerkmal

Bei normaler Sauberkeitsliebe bringt das Putzen Zufriedenheit und Abschluss. Beim Putzzwang kehrt nach kurzfristiger Erleichterung schnell das Gefühl zurück: "Es ist noch nicht sauber genug" oder "Ich muss noch einmal putzen". Der Zwang frisst Zeit, verursacht Leid und lässt sich nicht willentlich kontrollieren.

Ursachen und Risikofaktoren

Die Entstehung eines Putzzwangs ist multifaktoriell. Forschung zeigt, dass biologische, psychologische und umweltbedingte Faktoren zusammenwirken:

Neurobiologische Faktoren

Studien zeigen bei OCD-Patienten charakteristische Veränderungen im Gehirn:

  • CSTC-Schaltkreis-Dysfunktion: Veränderungen im kortico-striato-thalamo-kortikalen Schaltkreis, der für Handlungsplanung und -kontrolle zuständig ist

  • Hyperaktivität im OFC: Der orbitofrontale Kortex, zuständig für Fehlererkennung und emotionale Bewertung, zeigt erhöhte Aktivität

  • Insula-Überaktivierung: Die Insula, die Ekelempfindungen verarbeitet, reagiert bei Kontaminations-OCD übermäßig stark

  • Serotonin-Dysbalance: Ungleichgewichte im Serotoninsystem – daher die Wirksamkeit von SSRI-Medikamenten

Genetische Faktoren

OCD hat eine erbliche Komponente:

  • Familiäre Häufung: Angehörige ersten Grades haben ein 4-5-fach erhöhtes Risiko, selbst OCD zu entwickeln
  • Zwillingsstudien: Eineiige Zwillinge zeigen höhere Konkordanzraten als zweieiige
  • Polygenetisch: Viele Gene mit kleinen Effekten tragen zum Risiko bei – es gibt kein einzelnes "Putz-Gen"

Psychologische Faktoren

Erhöhte Ekelempfindlichkeit

Menschen mit Putzzwang zeigen oft eine überdurchschnittlich hohe Empfindlichkeit für Ekel – minimaler Schmutz löst starke emotionale Reaktionen aus.

Perfektionismus

Überhöhte Standards an Sauberkeit und Ordnung, die nie vollständig erfüllt werden können.

Intoleranz gegenüber Unsicherheit

Die Unfähigkeit, mit Ungewissheit umzugehen: "Ich kann nicht sicher sein, dass keine Keime auf der Oberfläche sind."

Überverantwortlichkeit

Das Gefühl, für die Gesundheit und Sicherheit aller verantwortlich zu sein.

Kontrollbedürfnis

Der Versuch, durch Putzen Kontrolle über eine als chaotisch empfundene Welt zu erlangen.

Auslöser und Lebensereignisse

  • Kritische Lebensphasen: Schwangerschaft, Geburt, Umzug, neuer Job

  • Pandemien: COVID-19 hat bei vielen bestehende Putz- und Reinigungszwänge verstärkt oder neu ausgelöst

  • Krankheitserfahrungen: Eigene Erkrankung oder Krankheit/Tod nahestehender Personen

  • Kindheitserfahrungen: Überbehütende Eltern oder extrem strenge Sauberkeitsregeln im Elternhaus

  • Stress und Belastung: Der Zwang verstärkt sich typischerweise in Stressphasen

Auswirkungen auf den Alltag

Putzzwang kann massive Auswirkungen auf alle Lebensbereiche haben und die Lebensqualität erheblich einschränken:

Zeitverlust und Erschöpfung

  • Stunden für Rituale: 3-6 Stunden tägliches Putzen sind keine Seltenheit

  • Erschöpfung: Körperliche und emotionale Ermüdung durch ständige Rituale

  • Zeitmangel: Keine Zeit mehr für Hobbys, Freunde, Erholung

  • Schlafmangel: Putzrituale vor dem Schlafengehen oder nächtliches Aufstehen

Soziale und familiäre Folgen

  • Beziehungsprobleme: Partner und Familie leiden unter den strengen Regeln und ständigen Konflikten

  • Soziale Isolation: Besucher werden nicht eingeladen, Einladungen werden abgelehnt

  • Kontrolle anderer: Familienmitglieder werden gezwungen, Sauberkeitsregeln einzuhalten

  • Scham: Verstecken des Problems vor Außenstehenden

Berufliche und finanzielle Folgen

  • Arbeitsunfähigkeit: Morgenrituale führen zu Verspätungen, Konzentrationsprobleme am Arbeitsplatz

  • Finanzielle Belastung: Hohe Kosten für Reinigungsmittel, Desinfektionsmittel, ggf. Arbeitsausfall

  • Karriereeinschränkungen: Bestimmte Berufe werden gemieden oder aufgegeben

Komorbidität mit Depression

Viele Menschen mit Putzzwang entwickeln im Verlauf eine Depression. Das Gefühl, in einem aussichtslosen Kreislauf gefangen zu sein, Scham über das eigene Verhalten und die soziale Isolation können zu Hoffnungslosigkeit führen. Bei Suizidgedanken ist sofortige professionelle Hilfe wichtig.

Behandlung: Was wirklich hilft

Die gute Nachricht: Putzzwang ist gut behandelbar. Die S3-Leitlinie Zwangsstörungen (DGPPN, 2022) definiert klare, evidenzbasierte Behandlungsempfehlungen.

Goldstandard: ERP-Therapie

Die Exposition mit Reaktionsverhinderung (ERP) ist laut S3-Leitlinie die "Psychotherapie der ersten Wahl" mit 50-60% Ansprechrate. Bei ERP lernen Betroffene, angstauslösende Situationen auszuhalten, ohne die Zwangshandlung (Putzen) auszuführen.

Wie ERP bei Putzzwang funktioniert
1

Psychoedukation

Verstehen, wie der Zwangskreislauf funktioniert: Auslöser → Zwangsgedanke → Angst/Unbehagen → Putzen → kurzfristige Erleichterung → erneuter Auslöser. Dieses Wissen ist der erste Schritt zur Veränderung.

2

Angsthierarchie erstellen

Gemeinsam mit dem Therapeuten wird eine Liste erstellt: Von leicht angstauslösenden Situationen (z.B. einen Tag nicht staubsaugen) bis zu sehr angstauslösenden (z.B. eine Woche die Küche nicht wischen).

3

Exposition (Konfrontation)

Schrittweise Konfrontation mit angstauslösenden Situationen – beginnend mit leichteren Stufen. Beispiel: Bewusst eine verschmutzte Oberfläche NICHT sofort reinigen.

4

Reaktionsverhinderung

Der entscheidende Teil: Das Putzritual wird NICHT ausgeführt. Die Angst und das Unbehagen werden ausgehalten, bis sie von selbst nachlassen – was sie tun (Habituation).

5

Langfristige Habituation

Durch wiederholte Übung lernt das Gehirn: Die befürchtete Katastrophe tritt nicht ein. Die automatische Angstreaktion wird schwächer, der Putzdrang verliert seine Macht.

Warum ERP wirkt

ERP unterbricht den Zwangskreislauf. Das Gehirn lernt: "Ich habe die Oberfläche nicht geputzt – und trotzdem ist nichts Schlimmes passiert." Mit jeder Übung wird diese Erkenntnis stärker. Studien zeigen, dass ERP zu messbaren Veränderungen in der Gehirnaktivität führt.

Medikamentöse Behandlung

Laut S3-Leitlinie können Medikamente die Therapie unterstützen:

SSRI (Selektive Serotonin-Wiederaufnahme-Hemmer)

Medikamente der ersten Wahl bei OCD. Zugelassen sind Escitalopram, Fluoxetin, Fluvoxamin, Paroxetin und Sertralin. Bei OCD werden oft höhere Dosierungen benötigt als bei Depressionen. Wirkungseintritt nach 8-12 Wochen.

Clomipramin

Ein trizyklisches Antidepressivum mit vergleichbarer Wirksamkeit, aber mehr Nebenwirkungen. Daher nicht erste Wahl.

Kombination

Die Kombination aus ERP-Therapie und SSRI zeigt oft die besten Langzeitergebnisse, besonders bei schweren Fällen.

Wichtig

Medikamente allein führen selten zu vollständiger Symptomfreiheit. Die Kombination aus ERP und Medikamenten zeigt die besten Langzeitergebnisse. Medikamente können aber den Einstieg in die ERP-Therapie erleichtern, indem sie die Angstsymptome reduzieren.

Selbsthilfe-Strategien

Professionelle Therapie ist bei Putzzwang der wichtigste Schritt. Ergänzend können Betroffene aber auch selbst einiges tun:

Erste Schritte

  1. Zwang anerkennen: Sich eingestehen, dass das Putzverhalten krankhaft ist – ohne sich dafür zu verurteilen

  2. Protokoll führen: Notieren, wann, wo und wie lange Sie putzen, was die Rituale auslöst

  3. Information sammeln: Bücher und seriöse Online-Ressourcen über OCD und ERP lesen

  4. Therapeuten suchen: Einen auf OCD spezialisierten Verhaltenstherapeuten kontaktieren

Selbsthilfe-Übungen (mit Vorsicht)

Diese Übungen können ergänzend zur Therapie oder als Einstieg genutzt werden:

  • Putzzeit begrenzen: Statt 3 Stunden maximal 1 Stunde für das Putzen einplanen – Timer nutzen

  • Verzögerung einbauen: Vor dem Putzen 15 Minuten warten – die Angst beobachten, wie sie ansteigt und wieder abflaut

  • Bereiche auslassen: Bewusst einen Raum einen Tag nicht putzen und das Unbehagen aushalten

  • Gedanken benennen: "Das ist ein OCD-Gedanke, nicht die Realität"

  • Unsicherheit akzeptieren: "Vielleicht ist die Oberfläche nicht perfekt sauber – und ich kann damit leben"

Was NICHT hilft
  • Vermeidung: Angstauslösende Situationen zu meiden macht den Zwang stärker
  • Rituale "richtig" machen: Der Perfektion der Rituale nachzugeben hält den Zwang am Leben
  • Rückversicherung suchen: Andere fragen "Ist es jetzt sauber genug?" verstärkt den Kreislauf
  • Mehr Reinigungsmittel: Stärkere Produkte oder neue Methoden geben dem Zwang mehr Macht

Tipps für Angehörige

Partner, Familienmitglieder und Mitbewohner von Menschen mit Putzzwang stehen oft vor der Frage: Wie kann ich helfen, ohne den Zwang zu verstärken?

Do's – Was hilft

  • Informieren Sie sich: Verstehen Sie, dass Putzzwang eine Erkrankung ist, keine Marotte oder Willens­schwäche

  • Ermutigen Sie zur Therapie: Unterstützen Sie die Suche nach einem spezialisierten Therapeuten

  • Grenzen setzen: Es ist okay zu sagen: "Ich werde mich nicht an übertriebenen Putzritualen beteiligen"

  • Geduld haben: Behandlung braucht Zeit, Rückfälle sind normal

  • Eigene Grenzen wahren: Auch Ihre psychische Gesundheit ist wichtig

  • Erfolge würdigen: Auch kleine Fortschritte anerkennen und ermutigen

Don'ts – Was Sie vermeiden sollten

  • Keine Rückversicherung geben: "Ja, es ist sauber genug" ständig zu wiederholen verstärkt den Zwang

  • Nicht an Ritualen teilnehmen: Nicht selbst übermäßig putzen, nur weil der Betroffene es fordert

  • Nicht beschämen: Vorwürfe wie "Reiß dich doch zusammen" sind kontraproduktiv

  • Nicht drohen: Ultimaten erhöhen den Stress und verschlimmern die Symptome

  • Keine Putzverbote: Der Betroffene muss selbst die Kontrolle übernehmen, Verbote helfen nicht

Wann professionelle Hilfe suchen?

Professionelle Hilfe sollten Sie suchen, wenn:

  • Putz- und Aufräumrituale mehr als 1-2 Stunden täglich in Anspruch nehmen

  • Die Rituale starke Angst oder Unbehagen auslösen, wenn Sie sie nicht ausführen können

  • Ihre Arbeit, Beziehungen oder Ihr Alltag unter den Zwängen leiden

  • Familienmitglieder unter Ihren Sauberkeitsregeln leiden

  • Sie wissen, dass Ihr Verhalten übertrieben ist, aber trotzdem nicht aufhören können

  • Sie depressive Symptome wie Hoffnungslosigkeit, Antriebslosigkeit oder Suizidgedanken haben

Wichtig

Putzzwang verschwindet in der Regel nicht von selbst. Je länger die Symptome unbehandelt bleiben, desto stärker können sie sich verfestigen. Frühzeitige Behandlung verbessert die Prognose deutlich.

Therapeuten finden

So finden Sie einen geeigneten Therapeuten
1

Spezialisierung prüfen

Fragen Sie explizit nach Erfahrung mit Zwangsstörungen und ERP-Therapie. Nicht jeder Verhaltenstherapeut ist auf OCD spezialisiert.

2

Kassenärztliche Vereinigung

Über 116117 oder die Website Ihrer KV finden Sie approbierte Psychotherapeuten. Fragen Sie nach Spezialisten für Zwangsstörungen.

3

Spezialambulanzen

Universitätskliniken und psychiatrische Zentren haben oft OCD-Spezialambulanzen mit kürzeren Wartezeiten.

4

Fachgesellschaften

Die Deutsche Gesellschaft Zwangserkrankungen (DGZ) unter zwaenge.de bietet Therapeutenlisten und Informationen.

Prognose und Behandlungserfolg

Die Prognose bei Putzzwang ist bei adäquater Behandlung grundsätzlich positiv:

  • 50-70% der Patienten zeigen eine klinisch signifikante Verbesserung durch ERP-Therapie

  • Die Kombination aus ERP und Medikamenten zeigt oft die besten Langzeitergebnisse

  • Viele Betroffene erreichen eine deutliche Symptomreduktion, die ihnen ein normales Leben ermöglicht

  • Manche erreichen vollständige Remission, also völlige Symptomfreiheit

Hoffnung

Viele Menschen mit Putzzwang leben nach erfolgreicher Behandlung ein erfülltes, normales Leben. Sie können ihre Wohnung in angemessener Zeit sauber halten, ohne von Zwängen getrieben zu werden. Die erlernten Strategien helfen nicht nur gegen den Zwang, sondern stärken auch allgemein die Fähigkeit, mit Unsicherheit und Unbehagen umzugehen.

Zusammenfassung

  • Putzzwang ist eine Form der Zwangsstörung mit zwanghaftem Drang, die Umgebung exzessiv zu reinigen

  • Er unterscheidet sich von normaler Sauberkeitsliebe durch Kontrollverlust, Leidensdruck und Zeitaufwand

  • Typische Symptome sind stundenlanges Putzen, feste Rituale und Unfähigkeit aufzuhören

  • Ursachen sind multifaktoriell: Genetik, Neurobiologie, Psychologie und Lebensereignisse

  • ERP-Therapie (Exposition mit Reaktionsverhinderung) ist der Goldstandard mit hoher Wirksamkeit

  • SSRI-Medikamente können ergänzend helfen, ersetzen aber nicht die Therapie

  • Angehörige sollten keine Rückversicherung geben und nicht an Ritualen teilnehmen

  • Die Prognose ist gut – 50-70% zeigen deutliche Verbesserung durch Behandlung

Häufig gestellte Fragen (FAQ)

Ein Putzzwang ist eine Form der Zwangsstörung (OCD), bei der Betroffene einen überwältigenden Drang verspüren, ihre Umgebung exzessiv zu reinigen, aufzuräumen oder zu desinfizieren – oft stundenlang und trotz des Wissens, dass es übertrieben ist. Der Zwang verursacht erheblichen Leidensdruck und beeinträchtigt den Alltag.

Typische Anzeichen sind: Putzrituale von mehr als 1-2 Stunden täglich, starke Angst oder Unbehagen wenn Putzen nicht möglich ist, wiederholtes Reinigen der gleichen Oberflächen, Unfähigkeit aufzuhören obwohl man weiß, dass es übertrieben ist, und Einschränkungen im Alltag (Arbeit, Beziehungen, soziales Leben).

Putzzwang entsteht durch ein Zusammenspiel mehrerer Faktoren: genetische Veranlagung, neurobiologische Besonderheiten (Überaktivität bestimmter Hirnregionen, Serotonin-Dysbalance), psychologische Faktoren wie erhöhte Ekelempfindlichkeit und Perfektionismus, sowie Auslöser wie Stress, kritische Lebensereignisse oder Pandemien wie COVID-19.

Beide gehören zu den Kontaminationszwängen, unterscheiden sich aber im Fokus: Beim Waschzwang steht die Reinigung des eigenen Körpers im Vordergrund (Händewaschen, Duschen). Beim Putzzwang richtet sich der Zwang auf die Umgebung (Oberflächen, Gegenstände, Räume). Oft treten beide Formen gemeinsam auf.

Putzzwang ist sehr gut behandelbar. 50-70% der Patienten zeigen durch ERP-Therapie deutliche Verbesserungen, viele erreichen vollständige Symptomfreiheit. OCD ist jedoch eine chronische Erkrankung – nach erfolgreicher Behandlung ist Rückfallprävention wichtig.

Die ERP-Therapie (Exposition mit Reaktionsverhinderung) ist laut S3-Leitlinie der Goldstandard. Betroffene lernen, angstauslösende Situationen auszuhalten (z.B. eine verschmutzte Oberfläche nicht sofort zu reinigen), ohne die Zwangshandlung auszuführen. SSRI-Medikamente können ergänzend helfen.

Selbsthilfe-Strategien können helfen, aber bei klinisch relevantem Putzzwang ist professionelle ERP-Therapie der wichtigste Schritt. Selbst kann man: den Zwang anerkennen, Protokoll führen, sich informieren, und kleine Expositionen üben (z.B. Putzzeit begrenzen, Verzögerung einbauen).

Angehörige sollten: sich informieren, zur Therapie ermutigen, keine Rückversicherung geben ("Ja, es ist sauber genug"), nicht an übertriebenen Putzritualen teilnehmen, Grenzen setzen, Geduld haben, und auf die eigene Gesundheit achten. Vorwürfe und Drohungen verschlimmern die Situation.

Die Angst beim Putzzwang kann verschiedene Quellen haben: Angst vor Kontamination (Keime, Krankheiten), Angst vor Kontrollverlust, das Gefühl, dass etwas "nicht richtig" ist, oder die Überzeugung, für die Gesundheit anderer verantwortlich zu sein. Oft spielen auch erhöhte Ekelempfindlichkeit und Perfektionismus eine Rolle.

Ja, die COVID-19-Pandemie hat bei vielen Menschen bestehende Putz- und Reinigungszwänge verstärkt oder neu ausgelöst. Die ständigen Hygienebotschaften und die reale Bedrohung durch das Virus machten es für Betroffene besonders schwer, zwischen angemessener Vorsicht und zwanghaftem Verhalten zu unterscheiden.

Quellen und weiterführende Informationen

Dieser Artikel basiert auf aktuellen wissenschaftlichen Erkenntnissen und Leitlinien:

  • S3-Leitlinie Zwangsstörungen (DGPPN, 2022). AWMF-Registernummer 038-017. AWMF-Leitlinie

  • Bloch, M. H., et al. (2008). Meta-analysis of the symptom structure of obsessive-compulsive disorder. American Journal of Psychiatry, 165(12), 1532-1542. DOI: 10.1176/appi.ajp.2008.08020320

  • Fineberg, N. A., et al. (2020). How to manage obsessive-compulsive disorder (OCD) under COVID-19. Comprehensive Psychiatry, 100, 152174. DOI: 10.1016/j.comppsych.2020.152174

  • Mataix-Cols, D., et al. (2004). Distinct neural correlates of washing, checking, and hoarding symptom dimensions in obsessive-compulsive disorder. Archives of General Psychiatry, 61(6), 564-576. DOI: 10.1001/archpsyc.61.6.564

  • Deutsche Gesellschaft Zwangserkrankungen e.V. (DGZ): zwaenge.de

  • International OCD Foundation (IOCDF): iocdf.org

Wichtiger Hinweis

Dieser Artikel dient der Information und ersetzt keine professionelle Diagnose oder Behandlung. Bei Verdacht auf Putzzwang oder andere Zwangsstörungen wenden Sie sich bitte an einen auf OCD spezialisierten Psychotherapeuten oder Psychiater.